Interview: Füll mal! Der Unverpackt-Truck aus der Eifel

Jessica Thijs war schon in vielen Bereichen tätig – Logistik, Einzelhandel, Eventmanagement. Im Sommer 2019 wagte sie den Schritt zur Selbstständigkeit und fährt seitdem mit einem Truck über die Wochenmärkte in der Eifel und verkauft Waren aller Art ohne (Plastik-) Verpackung. Wir haben mit der Kleinunternehmerin über ihre Idee und ihr Unternehmen gesprochen.

Wie kamst du auf die Idee, mit einem Unverpackt-Truck durch die Eifel zu touren?

Ein bisschen aus der Not heraus. Ich habe angefangen darauf zu achten, weniger Plastik zu verwenden und musste leider ganz schnell feststellen, dass das in der Eifel nicht so einfach möglich war. Mein Obst und Gemüse habe ich schon lange unverpackt auf dem Wochenmarkt gekauft oder auch Wurst und Käse in eigenen Dosen transportiert, aber für den Rest gab es noch keine plastikfreien Alternativen. Da habe ich mir gesagt: Du muss es selbst ändern! Zuerst wollte ich einen Unverpackt-Laden eröffnen, wie man sie aus größeren Städten schon kennt. Ich habe aber kein passendes Ladenlokal in meiner Umgebung gefunden. Letztendlich kam bei einem gemütlichen Abend mit Freunden die Idee, den Unverpackt-Laden in einen Truck zu packen und damit auf Wochenmärkte und Co. zu fahren.

Vor welchen Herausforderungen standest du am Anfang?

Ich habe mich mit vielen Leute aus der Branche unterhalten und dadurch meine Idee und mein Konzept in einen Business-Plan geformt. Leider kam das Ganze bei der Bank nicht sonderlich gut an. Das war wirklich hart für mich; fast vier Monate habe ich nach Finanzierungsmöglichkeiten gesucht, aber erstmal niemanden gefunden, der die Sache mit gelebt hat. Glücklicherweise habe ich dann gemeinsam mit einem guten Freund den Truck selbst finanziert, sodass mir die Bank letztendlich doch noch ihr Okay gab.

Während der Umsetzung musste ich jede Menge Regeln und Vorschriften beachten. Es gibt zwar bereits Konzepte für Unverpackt-Läden, aber durch den Truck habe ich keinen geschlossenen Raum und immer wieder Temperaturunterschiede. Das alles musste berücksichtigt werden, damit die Qualität der Lebensmittel jederzeit sichergestellt werden kann.

Und jetzt bin ich sehr glücklich darüber, dass ich endlich unterwegs bin!

Woher stammen deine Produkte? Ist dir die Zusammenarbeit mit regionalen Betrieben wichtig?

Meine Produkte haben alle Bioqualität und sind hier aus der Region – bis auf den Kaffee. Aber der hat ein FairTrade-Siegel und ich arbeite mit einer Rösterei zusammen, sodass ich auch der Direktvermarkter bin. Meine Gewürze beispielsweise kommen aus einer Manufaktur aus Koblenz und alle anderen Produkte kommen von kleinen Betrieben aus der Eifel.

Wie sieht deine Produktpalette aus?

Ich habe mittlerweile 155 Produkte – gestartet bin ich damals mit etwa 100 Produkten – und ich lasse meine Kunden immer mitentscheiden, was neu dazu kommt oder was vielleicht auch wieder gestrichen wird. Hauptsächlich verkaufe ich trockene Produkte: von Mehl über Nudeln bis zu Gummibärchen, Müsli, Kaffee und Gewürzen. Dann habe ich noch eine ganze Palette an Kosmetik- und Drogerieprodukten oder auch mal Bücher und Einkaufsbeutel.

Was ich zum Beispiel nicht habe sind Trockenfrüchte. Klar – bekomme ich die, aber nur in Plastikverpackung. Und weil ich so wenig Plastik wie möglich in Umlauf bringen will, gibt es die bei mir nicht. Bis auf Joghurt und Frischkäse im Glas gibt es bei mir auch keine Frischeprodukte wie Gemüse, Obst oder Wurst. Die bekommt man auf den Wochenmärkten sowieso ohne Verpackung und ich möchte auch keine Konkurrenz für die anderen Markttreibenden sein. Ich versuche das Sortiment auf den Wochenmärkten so zu ergänzen, dass es ähnlich wie im Supermarkt ist – nur eben ohne Verpackung.

Wie kann man sich dein Konzept genau vorstellen?

Der größte Teil meiner Kunden geht normal auf den Wochenmarkt und kommt an meinen Truck wie zu allen anderen Ständen. Die Kunden bringen ihr Glas oder ihre Dose mit und ich fülle die Produkte hinein. Gerade am Anfang war das für viele neu, aber ich konnte meine Stammkunden dahin erziehen, dass sie ihre Dosen mitbringen (lacht). Mittlerweile habe ich auch Recycling-Papiertüten, falls ein Kunde mal seinen Behälter vergisst, die ich aber eher ungern rausgebe und natürlich hoffe, dass sie mehrmals verwendet werden.

Große Mengen bestellen meine Kunden alle vor. Allzu viel kann ich in den Schütten in meinem Truck nicht auf den Markt mitbringen und bei Vorbestellungen habe ich 5kg-Säcke für die Kunden mit dabei.

Wie ist die Resonanz der Kunden?

Am Anfang war es mittelmäßig. Viele haben sich sehr gefreut, weil sie das Unverpackt-Konzept schon von anderswo oder meiner Werbung kannten. Aber anfangs gab es auch immer wieder Leute, die eher kritisch vor meinem Truck standen.

Hier auf dem Land spielt aber auch noch ein anderer Punkt eine Roll, da ich selbst hier wohne und meine Kunden auch meine Nachbarn sind. Es gibt schlichtweg Produkte, die man weder auf dem Markt noch in einem Bioladen bekommt – gerade wenn man Kinder hat – und die kaufe ich natürlich auch im normalen Supermarkt. Da höre ich schon das ein oder andere Mal „Die geht ja auch da einkaufen“ oder „Die hat schon wieder einen Gelben Sack vor der Haustür liegen“. Es gibt verschiedene Meinungen, aber ich bekomme überwiegend positives Feedback und freue mich natürlich sehr darüber.

Welche Tipps hast du für Nachahmer, die Ähnliches vorhaben?

Es waren schon mehrere Leute bei mir, die eine ähnliche Idee haben. Eine Unternehmerin hat ein altes Bäckermobil umgebaut und tourt damit in der Region um Stuttgart. Wichtiger Tipp: Guckt, dass ihr einen großen Truck habt. Meine Kunden wollen immer mehr Produkte und es wird schwieriger alles unterzubringen. Ich denke, dass man auch eine gewisse Anzahl an Produkten haben muss, um am Ende die Kosten tragen zu können. Ansonsten muss jeder sein individuelles Konzept mit einer Mischung aus Standardprodukten und Besonderheiten finden.

Sonst habe ich immer ein offenes Ohr für Leute mit einer ähnlichen Idee. Ich bin gerade dabei mein Verkaufs- und Aufbewahrungssystem im Truck patentieren zu lassen, sodass man das modulartig auch in andere Fahrzeuge einbauen kann.

Und welche Tipps hast du für andere Kleinunternehmer im ländlichen Raum?

Was mir auf jeden Fall geholfen hat, war unsere Kultur hier auf dem Land. Jeder kennt jeden und so hatte ich schnell ein Netzwerk und meine Idee hat sich herumgesprochen – auch in den sozialen Netzwerken. Ansonsten würde ich sagen: Einfach mal machen, auch wir auf dem Land können das!

Was mir auch sehr geholfen hat sind Wettbewerbe. Es gibt unfassbar viele Wettbewerbe für Jungunternehmer, an denen ich auch immer noch teilnehme. Ich habe angefangen mit dem Start-up-Camp. Da habe ich schüchtern und unerfahren meine Story erzählt und plötzlich den ersten Platz gemacht. Dann lief das von allein und ich wurde von einem zum nächsten Wettbewerb eingeladen. Ich glaube, das Messen mit anderen tut Jungunternehmern wirklich gut. Man kann Kritik und Ideen von anderen sammeln und vor allem lernt man mit Menschen zu sprechen, um seine Idee zu verkaufen.

Wie ist deine persönliche Resonanz? Würdest du den Schritt noch einmal gehen?

Ja – auf jeden Fall. Selbstständigkeit hat schon einige Vorteile, wenn ich zurückdenke wie das in meinen vorherigen Jobs war. Ich bin viel flexibler in meinen Arbeitszeiten, was mir gerade mit den Kindern einiges erleichtert. Die aktuelle Corona-Situation eher ungünstig; die Kinder sind den ganzen Tag zu Hause und wir kümmern uns um die Schulaufgaben. Aber im normalen Alltag, zu dem wir hoffentlich schnell wieder zurückkehren können, läuft das super. Während ich morgens auf den Märkten stehe, sind meine Kinder in der Schule oder KiTa. Nachmittags bin ich wieder zurück und erledige Büroarbeiten und Papierkram, bin gleichzeitig aber auch für meine Kinder da.

Zuletzt die Frage: Kennst du LEADER?

(Lacht) Ja, das kenne ich. Ich habe damals leider keine Förderung bekommen, aber ich denke, dass es eine gute Sache ist, um Kleinunternehmer und Co. im ländlichen Raum zu unterstützen. Allerdings sehe ich das Problem – und gilt für fast alle Förderprogramme, dass viele davon noch nichts wissen. Und oftmals ist es bei einem Projekt schon zu spät für eine Förderung. Ich wünsche mir, dass solche Förderprogramme noch besser beworben werden, damit die Unterstützung da ankommt, wo sie gebraucht wird.

Genau dafür sind wir da! Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg für die Zukunft!

Das Interview am 09. April 2020 führte Tobias Weber
(LEADER-Regionalmanagement der LAG Westrich-Glantal)

Weitere Infos zu Jessicas Projekt finden Sie unter www.fuellmal.de oder auch auf Facebook und Instagram!

 

Bildnachweise: Füll mal

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